Ausstellung

Kaum ein Ausstellungszusammenhang ist ähnlich aufgeladen und mit Bedeutungen belegt wie die Länderbeiträge einer Biennale. Nationale Repräsentation und kulturelle Zuschreibungen – die Gefahren jedes Länderpavillons – sind nicht selten mit Konflikten verbunden. Dies gilt in ganz besonderem Maße für den Deutschen Pavillon in Venedig.

Die ersten deutschen Beiträge der 1895 als Verkaufsausstellung gegründeten Biennale di Venezia fanden noch in den internationalen und deutschen Sälen im Hauptausstellungsgebäude der Giardini statt. Seit 1909 diente der Bayerische Pavillon, der 1912 in den Deutschen Pavillon umbenannt wurde, als Ort der Repräsentation. Dieser wurde 1938 zur faschistischen Herrschaftsarchitektur umgebaut. Auch wenn der nationalsozialistische Reichsadler über dem Eingangsportal nach dem Krieg entfernt wurde und 1984 an den Seitenflügeln die Schriftzüge „Bundesrepublik Deutschland“ und „Repubblica Federale di Germania“ in Abgrenzung zu der seit 1982 teilnehmenden Deutschen Demokratischen Republik (DDR) angebracht wurden, repräsentiert die Architektur des Deutschen Pavillons bis heute ungebrochen eine faschistische Formensprache.

Deshalb verwundert es nicht, dass die in der Vergangenheit eingeladenen künstlerischen Positionen immer wieder gegen diese Architektur und den Geist, den sie ausstrahlt, vorgingen. Hans Haacke stemmte beispielsweise den Travertinboden des Pavillons auf, so dass die brachial gesplitterten Steinplatten an Das Eismeer von Caspar David Friedrich erinnerten. Anne Imhof verbaute die Architektur mit transparenten Wänden und einem Glaspodest, das den Eintretenden schier den Boden unter den Füßen entzog. Und Natascha Sadr Haghighian positionierte unter dem Pseudonym Natascha Süder Happelmann im Hauptraum eine riesige Wand, die gleichermaßen an die Mauer eines Stausees wie auch an die sogenannte „Festung Europa“ gemahnte.

Das in vielen Beiträgen wahrzunehmende allgemeine Unbehagen ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert und die von Deutschen verübten Gräueltaten an der jüdischen Bevölkerung und all jenen, die nicht der Ideologie des Naziregimes entsprachen. Wie positioniert sich ein Land mit dieser Vergangenheit im Kontext aktueller globaler Krisen? Welche Möglichkeiten hat die Kunst vor diesem Hintergrund? Und wie gelingt es ihr, sich diesen Fragen zu stellen und gleichzeitig eine eigene Haltung und Bildsprache zu entwickeln?

In diesem Sinne fokussiert der Deutsche Pavillon auf der Biennale Arte 2022 Aspekte politischer und kultureller Repräsentation sowie der gesellschaftlichen Bedeutung künstlerischer Produktion, die in unserer heutigen herausfordernden Zeit von besonderer Aktualität sind.

Yilmaz Dziewior
Köln im Januar 2021

Gespräch zwischen Yilmaz Dziewior und Maria Eichhorn
anlässlich der Nominierung für den Deutschen Pavillon 2022
auf der Biennale di Venezia


YD: Erinnerst du dich noch, was dir durch den Kopf ging, als ich dich fragte, ob du dir vorstellen könntest, auf der nächsten Kunstbiennale in Venedig im Deutschen Pavillon auszustellen? Aus meiner Sicht schienst du sehr entspannt, wolltest jedoch gleich wissen, ob du alleine oder mit anderen ausstellen würdest.

ME: Meine erste Reaktion war ungläubiges Staunen und gleichzeitig große Freude über deine Einladung. Ich erinnere mich, dass wir lange gesprochen haben über Geschichte und Gegenwart der Biennale und ihre gesellschaftliche Bedeutung sowie über einzelne Biennale-Beiträge. Dabei wurde mir wieder bewusst, wie ernsthaft und verantwortungsvoll sich Künstler*innen vor mir mit dieser Aufgabe auseinandergesetzt haben. Ich bin jedenfalls froh, dass wir beide uns schon lange kennen, mehrmals zusammengearbeitet haben, ein vertrauensvolles Team bilden.

YD: In der Vergangenheit habe ich mich häufig beim Besuch des Deutschen Pavillons gefragt, welche Position ich wohl hier ausgestellt hätte. In diesem Sinne habe ich mich schon oft – wenn auch zugegebenermaßen nie tiefergreifend – mit der Vorstellung beschäftigt, einmal als Kurator für den Deutschen Pavillon in Venedig verantwortlich zu sein. Ging es dir ähnlich? Also hast du auch schon früher mit dem Gedanken gespielt, einmal diese Aufgabe als Künstlerin zu übernehmen?

ME: Nein, ich habe erst begonnen, mich damit zu beschäftigen, nachdem du mich eingeladen hast.

YD: Ich finde es geradezu überraschend, dass Du noch nicht im Deutschen Pavillon ausgestellt hast. Denn du beschäftigst dich immer wieder mit verschiedenen Themen zur deutschen Geschichte. Ich denke hier vor allem an Restitutionspolitik / Politics of Restitution (2003) und In den Zelten … (2015) und natürlich an dein im Zusammenhang der documenta 14 gegründetes Rose Valland Institut (2017). Bei all diesen Projekten geht es im weitesten Sinne um ungeklärte Eigentums- und Besitzverhältnisse von 1933 bis heute, also um die Folgen des Nationalsozialismus, die bis in die Gegenwart nachwirken. Als ein Symbol dieser Zeit kann auch die Architektur des Deutschen Pavillons in Venedig gedeutet werden. Wie stehst du hierzu?

ME: Mit der Architektur des Deutschen Pavillons beziehungsweise mit deutscher Geschichte haben sich einige Künstler*innen auseinandergesetzt. Es wurden auch mehrmals Anläufe unternommen und Vorschläge unterbreitet, den Pavillon neu zu gestalten. Das Gebäude hat nach dem monumentalen Umbau in der Nazizeit verschiedene Veränderungen erfahren – innen und außen. Documenta-Gründer Arnold Bode zum Beispiel hatte 1957 die Idee, den Pavillon umzugestalten, um ihm einen demokratischen Look zu geben. Er wollte die Fassade erneuern, den Eingang verlegen und im Innenraum eine zweite Ebene einbauen lassen, was später temporär in Ausstellungsbeiträgen aufgegriffen wurde. Die Frage, wie mit den architektonischen Überbleibseln aus der Nazi-Zeit oder mit Nazi-Architektur umgegangen werden soll, ist von bleibender Aktualität. In Bezug auf den Deutschen Pavillon in Venedig teile ich die Auffassung von Hans Haacke und anderen, dass der Pavillon historisch betrachtet als Mahnmal erhalten bleiben sollte. Geschichte, die sich auch durch Architektur vermittelt, kann nicht einfach abgebaut und weggelogen werden, wie beim Palast der Republik in Berlin geschehen, an dessen Stelle eine Schloss-Attrappe errichtet wurde.

YD: Welche bisherigen Beiträge im Deutschen Pavillon haben dir besonders gut gefallen und warum?

ME: Beiträge von Künstler*innen, die sich mit dem Ort auseinandergesetzt haben, sind mir besonders in Erinnerung geblieben, etwa von Sigmar Polke, dessen Bilder auf die Luftfeuchtigkeit der Lagune reagierten und der außen an der Fassade des Pavillons direkt neben dem Schriftzug „Bundesrepublik Deutschland“ ein Bild mit dem Titel Polizeischwein ausstellte. Dann Hans Haacke, der auf die Geschichte des Pavillons Bezug nahm und den Boden aufbrach. Die Nominierung von Hans Haacke und Nam June Paik, durch die der damalige Kommissar Klaus Bußmann die Nationenzugehörigkeit in Frage stellte, war vorausschauend. Katharina Fritsch mochte ich für die Klarheit ihres Beitrags. Isa Genzken, die die Fassade hinter einem Baugerüst verbarg. Liam Gillick und seine sprechende Katze. Hito Steyerls Deutsche Bank-Attacke. Und schließlich Natascha Sadr Haghighian, die sich performativ miteinbezog, indem sie sich tarnte, und die Ankerzentren thematisierte.

YD: Nicht selten nimmst du in deinen Arbeiten konkreten Bezug auf den Ausstellungsort, für den sie entstehen. Welche Bedeutung hat es vor diesem Hintergrund für dich, im Deutschen Pavillon auszustellen?

ME: Der Deutsche Pavillon ist symbolisch aufgeladen und stellt für Künstler*innen eine Herausforderung dar, auf mehreren und ganz unterschiedlichen Ebenen. Bei jedem Dekonstruktionsversuch wird man darauf zurückgeworfen, hat aber auch Spaß dabei. Ohne davon abzurücken, betrachte ich den Deutschen Pavillon nicht isoliert, sondern im Ensemble und Wechselspiel mit anderen Pavillons und Länderbeteiligungen in Bezug auf staatlich-territoriale und geopolitische, globale ökonomische und ökologische Entwicklungen. Warum wurde die Biennale 1895 gegründet? Wann wurden die jeweiligen Länderpavillons gebaut? Welche Länder waren bislang nicht vertreten, und aus welchen Gründen? Ist die Biennale tatsächlich immer noch ein Spiegelbild der Politik zwischen Nationalstaaten, wie vielfach angenommen, oder wird ihre Repräsentationsfunktion nicht längst in einer transnationalen, Kapital-erweiterten Arena des Kunstmarkts ausgehandelt?Dann die Eigentumsfrage: Wem gehören die Pavillons? Dass Venedig das Modell der Nationen-Pavillons weiterverfolgt, ist untrennbar damit verbunden, dass die Giardini-Pavillons wie Botschaftsgebäude Eigentum der jeweiligen Länder sind – mit Ausnahme des US-amerikanischen Pavillons, der sich im Besitz der Guggenheim Foundation befindet. Und Länderbeteiligungen ohne Giardini-Pavillon kopieren diese dominante Struktur fast ausnahmslos. Wie würde Kunst unabhängiger von solchen Konstruktionen nationaler Identität produziert und rezipiert werden? Den einzelnen Staat kann man mit Hannah Arendt als abstrakte Struktur bestehend aus vielen Nationalitäten verstehen, was den Begriff der Nation auflösen helfen könnte.

YD: Länderbeiträge auf der Biennale in Venedig sind immer auch mit Zuschreibungen und Erwartungen in Bezug auf nationale Repräsentation und kulturelle Zugehörigkeit verbunden. Wie gehst du mit eventuell an dich herangetragenen Erwartungen um?

ME: Ich glaube nicht, dass in der Kunst diese Art von Repräsentation gemeint ist, wie sie in der Politik oder in der Religion vorkommt, wo Figuren teils mit autoritärem Führungs- und Vertretungsanspruch auftreten. Die meisten Künstler*innen, die einen Biennale-Pavillon, auch den Deutschen Pavillon, gestalten, fassen es ganz einfach als Aufgabe oder Auftrag auf, entweder ihrer gewohnten Arbeit nachzugehen und diese zu zeigen, oder Missstände offenzulegen, Politik zu hinterfragen, Formen solidarischen Austauschs zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu initiieren, Stellung zu beziehen etc. Künstler*innen sind aus meiner Sicht nicht die Stellvertreter*innen eines Landes, sondern repräsentieren eine bestimmte Haltung, eine bestimmte Denk- und Handlungsweise in Bezug zur gegebenen Situation. Zur Frage der Zugehörigkeit: Ich verstehe mich als Mix aus vielen Identitäten und Nichtidentitäten und unterscheide mich von mir selbst. Nicht meine Person, sondern meine Arbeit soll im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Ich mache meine Arbeit und trete dann zurück.

YD: Biennalen sind ein besonderes Ausstellungsformat, mit dem du zum Beispiel durch deine Teilnahme in Istanbul (1995 und 2005), Yokohama (2001), Berlin (2004 und 2008), Łódź (2004), Sevilla (2006) und Guangzhou (2008) bereits viel Erfahrung sammeln konntest. An der Biennale in Venedig hast du sogar schon drei Mal teilgenommen – nämlich 1993, 2001 und 2015. Glaubst du, dass dir diese Erfahrungen in Venedig 2022 helfen werden?

ME: Ja, bestimmt. Aber auch Gespräche mit Kolleg*innen und Künstlerfreund*innen, die in der Vergangenheit den Deutschen Pavillon oder andere Pavillons bespielt haben, sind aufschlussreich und hilfreich.

YD: Immer häufiger geraten Großausstellungen wie Biennalen in die Kritik, gerade auch in Anbetracht der ökologischen Implikationen der damit verbundenen exzessiven Reisetätigkeit. Sowohl Kunstinsider als auch der Kunsttourismus tragen nicht unbedingt zur Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks bei. Wie siehst du das Verhältnis von Ökologie und Großausstellungen?

ME: Ironischerweise wurde die Venedig-Biennale 1895 als Reaktion auf den ökonomischen Niedergang Venedigs gegründet, um die Wirtschaft und die Tourismusindustrie anzukurbeln. Das ist übrigens bis heute häufig der Modus Operandi bei Biennale-Neugründungen. Heute, 126 Jahre später haben wir die Konsequenzen einer exzessiven Tourismusindustrie zu tragen. Die Venedig-Biennale, die Kulturindustrie generell ist Teil des ökologischen Desasters. Kreuzfahrt- und Massentourismus sind – neben der sozialen Verdrängung und der Bodenspekulation – ein Riesenproblem in Venedig. Der Comitato No Grandi Navi protestiert schon seit langem gegen die Kreuzfahrtschiffe und Luxusliner, und die Klimaaktivist*innen vom Venice Climate Camp fordern in Kampagnen die Touristen auf, Venedig fernzubleiben.

YD: Glaubst du, dass die nach wie vor anhaltende Pandemie einen Einfluss auf deine Arbeit hat? Wird sich dies auch in Venedig 2022 widerspiegeln?

ME: Niemand weiß, was 2022 sein wird. Aber allein dadurch, dass Covid-19 seit über einem Jahr grassiert und extreme Auswirkungen auf fast alle Lebensbereiche hat, übt die Pandemie einen nachhaltigen Einfluss aus, auch dann, wenn sie nicht unmittelbar oder direkt thematisiert wird.

YD: Wie würdest du – ohne vielleicht jetzt schon zu viel zu verraten – mit drei Sätzen deinen Beitrag in Venedig 2022 charakterisieren?

ME: Ich versuche es in zwei Sätzen: Die Arbeit ist zugänglich. Sie kann sowohl gedanklich als auch vor Ort körperlich und in Bewegung erfahren werden.

Innenansicht Deutscher Pavillon, Foto: Ugo Carmeni
Innenansicht Deutscher Pavillon, Foto: Ugo Carmeni