Künstlerin

Die künstlerischen Projekte von Maria Eichhorn sind zumeist prozessual angelegt und zielen auf eine Durchleuchtung und Transformation bestehender gesellschaftlicher Ordnungen.

Oftmals stellt sie dabei die Eigentumsfrage. Anlässlich der Skulptur. Projekte in Münster 1997 setzte sich Maria Eichhorn mit Grundbesitzverhältnissen auseinander und erwarb ein Grundstück im Stadtzentrum. Beim Wiederverkauf der Liegenschaft übergab sie den Erlös einem Verein, der gegen Gentrifizierung kämpft. Anlässlich der Documenta11 in Kassel gründete sie die Maria Eichhorn Aktiengesellschaft (2002), deren Grundkapital dem Geldkreislauf entzogen und deren Aktien an die Gesellschaft selbst übertragen wurden. Mit der Ausstellung Restitutionspolitik / Politics of Restitution (2003) im Lenbachhaus in München begann sie ihre Recherche zu Kunstwerken, die in der NS-Zeit aus jüdischem Besitz entwendet wurden – ein Thema, das sie in weiteren Projekten fortführte. Unter dem Titel In den Zelten 4 / 5 / 5a / 6 / 7 / 8 / 9 / 9a / 10, Kronprinzenufer 29 / 30, Beethovenstraße 1 / 2 / 3 (1832 bis 1959) > John-Foster-Dulles-Allee 10 (seit 1959), Berlin (2015) ermittelte sie anlässlich der Ausstellung Wohnungsfrage im Haus der Kulturen der Welt in Berlin die Eigentumsverhältnisse des Grundstücks, auf dem das Gebäude errichtet worden war. Ihre Arbeit, bestehend unter anderem aus Bodenzeichnungen, Grundbuchauszügen und weiterführenden Texten, legt offen, dass die Kongresshalle (später Haus der Kulturen der Welt) teilweise auf enteignetem Land gebaut wurde, das hätte restituiert werden müssen. Anlässlich der documenta 14 erwarb sie mit Building as Unowned Property (2017–) eine Immobilie in Athen, um sie in Nichteigentum zu überführen, und gründete in Kassel das Rose Valland Institut (2017–) zur Erforschung der Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europas und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart.

Mit dem Verhältnis zwischen Eigentum und Besitz beschäftigt sich Maria Eichhorn ebenso intensiv wie mit jenem zwischen Arbeit, Wert und Zeit. Ihre Ausstellung 5 weeks, 25 days, 175 hours (2016) in der Chisenhale Gallery in London bestand darin, allen Mitarbeiter*innen eine Auszeit von ihrer Arbeit zu geben. Über die gesamte Laufzeit der Ausstellung blieb die Institution geschlossen. Im gleichen Jahr ließ sich Maria Eichhorn von der Stadt Köln als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Ludwig anstellen und thematisierte unter dem Titel Arbeitsvertrag zwischen der Stadt Köln, vertreten durch die Oberbürgermeisterin, und Frau Maria Eichhorn (2016) die Frage nach dem gesellschaftlichen Stellenwert künstlerischer Arbeit.

Maria Eichhorn wurde 1962 in Bamberg geboren und lebt in Berlin. Sie studierte zwischen 1984 und 1990 an der Hochschule der Künste Berlin bei Karl Horst Hödicke. Seit 1999 lehrt sie als Professorin, zunächst als Gastprofessorin am California Institute of the Arts in Valencia, seit 2003 an der Zürcher Hochschule der Künste.

Neben ihren documenta-Teilnahmen 2002 in Kassel und 2017 in Athen und Kassel nahm Maria Eichhorn mehrmals an der Biennale di Venezia (2015, 2001, 1993), zahlreichen weiteren internationalen Biennalen wie etwa in Guangzhou (2008), Berlin (2008, 2004), Sevilla (2006), Istanbul (2005, 1995), Łódź (2004), Yokohama (2001) sowie an Skulptur. Projekte in Münster 1997 teil. Seit 1986 stellt sie in namhaften Institutionen aus. 2018 bis 2019 war eine umfangreiche Werkschau im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich unter dem Titel Zwölf Arbeiten / Twelve Works (1988–2018) zu sehen. Weitere Einzelausstellungen fanden unter anderem in der Chisenhale Gallery in London (2016), in der Morris and Helen Belkin Art Gallery in Vancouver (2015), im Kunsthaus Bregenz (2014), im Van Abbemuseum in Eindhoven (2007–2010), im Lenbachhaus in München (2003), in der Kunsthalle Bern (2001), im Portikus in Frankfurt am Main (1999) und im Kunsthaus Zürich (1997) statt. Ferner war Maria Eichhorns Werk in zahlreichen Gruppenausstellungen zu sehen, unter anderem im MACRO – Museo d’Arte Contemporanea di Roma (2021), im Jewish Museum in New York (2021, 2016), im IVAM – Institut Valencià d’Art Modern (2019), im Swiss Institute in New York (2018, 2009), im Museum Ludwig in Köln (2016, 2010), im Stedelijk Museum in Amsterdam (2015), im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (2015), im mumok – Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien (2015, 2013), im Jeu de Paume in Paris (2013), im Centre Pompidou in Paris (2009), im Institute of Contemporary Arts in London (2009), im San Francisco Museum of Modern Art (2008), im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin (2008, 2002, 2001), im Museo de Arte Carillo Gil in Mexico City (2003), im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (2000, 1992), im Castello di Rivoli – Museo d’Arte Contemporanea in Turin (1996), in der Serpentine Gallery in London (1995), im Centro de Arte Reina Sofía in Madrid (1994), im Museum of Contemporary Art in Sydney (1993) und im Palazzo delle Esposizioni in Rom (1991).

Zu Maria Eichhorns Publikationen zählen Film Lexicon of Sexual Practices / Prohibited Imports (2019); Maria Eichhorn Werkverzeichnis / Catalogue Raisonné 1986–2015 (2017); 5 weeks, 25 days, 175 hours (2016); In den Zelten 4 / 5 / 5a / 6 / 7 / 8 / 9 / 9a / 10, Kronprinzenufer 29 / 30, Beethovenstraße 1 / 2 / 3 (1832 bis / to 1959) > John-Foster-Dulles-Allee 10 (seit / since 1959), Berlin (2015); Die Zeitkapsel im Wasserfall der Steinach / The Time Capsule in the Waterfall on the Steinach River (2012); The Artist’s Contract: Interviews with Carl Andre, Daniel Buren, Paula Cooper, Hans Haacke, Jenny Holzer, Adrian Piper, Robert Projansky, Robert Ryman, Seth Siegelaub, John Weber, Lawrence Weiner, Jackie Winsor (2009); Between Artists (mit John Miller, 2008); Maria Eichhorn Aktiengesellschaft (2007); von 12,37 bis 36,08 = 24,94 von 100% (2007); CAMPUS. Politische Mündigkeit / Political Responsibility / Emancipazione politica (2005); Restitutionspolitik / Politics of Restitution (2004); Das Geld der Kunsthalle Bern / Money at Kunsthalle Bern (2001/2002). 2017 richtete Maria Eichhorn die Website www.rosevallandinstitut.org ein.

Maria Eichhorn wurde unter anderem mit dem George-Maciunas-Preis (1992), dem Arnold-Bode-Preis der Stadt Kassel (2002) und dem Premio Paolo Bozzi per l’Ontologia der Universität Turin (2018) ausgezeichnet. Von 2018 bis 2020 war sie Georg-Simmel-Stipendiatin und Fellow am Käte Hamburger Kolleg „Recht als Kultur“ der Universität Bonn, wo – in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Institut – auch ihr Rose Valland Institut untergebracht war. Seit 2020 ist Maria Eichhorn Forschungsstipendiatin des Berliner Förderprogramms Künstlerische Forschung. 2021 erhält sie den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste in Berlin.

Maria Eichhorn, Foto: Jens Ziehe